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Corona und Diabetes – instabile Stoffwechsellage als Risikofaktor

Autor: Maria Weiß

Etliche typische Begleitfaktoren des Diabetes können einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung begünstigen. Etliche typische Begleitfaktoren des Diabetes können einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung begünstigen. © iStock/Jesussanz
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Hohes Alter und Komorbiditäten erhöhen das Risiko für einen schweren Verlauf oder gar tödlichen Ausgang einer COVID-19-Erkrankung. Wichtige Risikofaktoren sind dabei auch Adipositas und Diabetes, insbesondere wenn die Therapieziele des Glukosemanagements nicht erreicht werden.

Der mit Abstand stärkste Risikofaktor für einen schweren COVID-19-Verlauf ist das Alter, sagte Professor Dr. Matthias­ Laudes von der Universitätsklinik Kiel. Mit zunehmenden Jahren erhöht sich aber auch das Risiko für bestimmte Komorbiditäten wie Übergewicht, Hypertonie und Dia­betes. Nach deutschen Daten von mehr als 10.000 COVID-19-Erkrankten in 920 Krankenhäusern müssen Patienten mit Hypertonie, Diabetes, kardialen Arrhythmien, Herzinsuffizienz, COPD und Adipositas deutlich häufiger beatmet werden als Patienten ohne diese Komorbiditäten. 53 % der beatmeten Patienten starben in dieser Studie.1

Übergewicht und Diabetes als wichtige Risikofaktoren

Die meisten Patienten mit Typ-2-Diabetes sind auch übergewichtig oder adipös. In diesem Zusammenhang kennt man zahlreiche Mechanismen, die den Krankheitsverlauf von COVID-19 negativ beeinflussen könnten, darunter Insulinresistenz, Fettstoffwechselstörungen, Hypertonie, chronische Inflammation und Schlafapnoe, sagte der Referent. Aber auch unabhängig vom Gewicht kommen bei Menschen mit Diabetes Faktoren zum Tragen, die sich ungünstig auf den Verlauf der Infektion auswirken können.

Hier nannte Prof. Laudes das bei Diabetes geschwächte Immunsystem, eine RAAS-Überaktivierung sowie die verstärkte Expression von ACE2-Rezeptoren, über die SARS-CoV-2 in die Zellen gelangen können. Gezeigt wurde, dass eine akute Hyperglykämie die Expression von ACE2 heraufreguliert, was das Eindringen der Viren in die Zellen begünstigen kann. Eine chronische Hyperglykämie scheint dagegen die ACE2-Expression eher zu vermindern, erhöht aber unter anderem die Anfälligkeit der Zellen für entzündliche Prozesse.2

Therapieanpassung bei schweren Verläufen

Bei schwer erkrankten Patienten mit ­COVID-19 können Therapieumstellungen erforderlich sein. Wie bei allen schweren Erkrankungen sollten Metformin und SGLT2-Inhibitoren nach den „Sick-Day-Rules“ abgesetzt werden. Bei akutem Lungenversagen und Hyperinflammation profitieren Patienten von einer großzügigen Umstellung auf eine intravenöse Insulingabe mit exakter Titration, da die subkutane Resorption möglicherweise nicht gewährleistet ist.

Die Frage, ob ACE-Hemmer vorsichtshalber abgesetzt werden müssen, da sie ebenfalls die ACE2-Expression erhöhen können, ist vom Tisch – hier wurde keine Assoziation mit ungünstigeren Verläufen von COVID-19 beobachtet.

Direkte Schädigung von Betazellen durch SARS-CoV-2

Auch die Betazellen der Bauchspeicheldrüse exprimieren ACE2 und können durch SARS-CoV-2 direkt geschädigt und möglicherweise in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. In einigen COVID-19-Behandlungszentren wurden schwere diabetische Ketoazidosen mit hohem Insulinbedarf bei neu eingelieferten Patienten beobachtet.

Ob eine Infektion mit den Coronaviren auch einen Typ-1-Diabetes auslösen kann, ist noch unklar, sagte der Diabetologe. Bisher wurden hier nur Einzelfälle von Patienten mit einem neu aufgetretenen insulinpflichtigen Diabetes nach einer COVID-19-Infektion berichtet. Für eine bessere Einschätzung des Risikos sind hier dringend weitere Registerdaten erforderlich. In einem weltweiten Register (CoviDiab) werden alle neu aufgetretenen Fälle von Typ-1- und Typ-2-Diabetes in Zusammenhang mit COVID-19 erfasst. Hier könnte man auch einem möglichen „COVID-19-Diabetes“ auf die Spur kommen.

Bei Kindern wird seit Jahren ein konstanter Anstieg der Inzidenz des Typ-1-Diabetes beobachtet. Bisher hat die COVID-19-Pandemie in Deutschland offensichtlich noch nicht zu einem starken Ausreißer nach oben geführt – die Inzidenzraten von 2020 entsprechen den vorhergesagten Werten.3

Stabile Stoffwechsellage kann schützen

Einigkeit herrscht darüber, dass vor allem bei instabiler Stoffwechsellage ein schwerer COVID-19-Verlauf droht. Dies wird auch in den europäischen Empfehlungen zum Umgang mit Patienten mit Diabetes und COVID-194 berücksichtigt, wie Professor Dr. Barbara Ludwig vom Universitätsklinikum der TU Dresden berichtete.

An erster Stelle müssen die Patienten dafür sensibilisiert werden, dass Glukosewerte im Zielbereich das Risiko schwerer COVID-19-Verläufe verringern können. Bei Blutzuckerwerten von maximal 180 mg/dL überleben 98,2 % der Patienten mit Diabetes COVID-19, bei durchgängig höheren Werten sterben 11 %. Die Therapie sollte bei Bedarf entsprechend optimiert werden. ­

COVID-19-bedingte Umstellungen einzelner Medikamente und Sub­stanzklassen sind durch die bisherige Datenlage nicht zu rechtfertigen, betonte Prof. Ludwig. Man sollte auch alle Möglichkeiten der Telemedizin ausschöpfen, um Aufenthalte in Praxen und Klinikambulanzen zu reduzieren.

Quellen:
1.Karagiannidis C et al. Lancet Respir Med 2020; 8: 853-862; DOI: 10.1016/S2213-2600(20)30316-7
2.Bornstein SR et al. Nat Rev Endocrinol 2020; 16: 297-298; DOI: 10.1038/s41574-020-0353-9
3.Tittel SR et al. Diabetes Care 2020; 43: e172-e173; DOI: 10.2337/dc20-1633
4.Bornstein SR et al. Lancet Diabetes Endocrinol 2020; 8: 546-550; DOI: 10.1016/S2213-8587(20)30152-2

Kongressbericht: Diabetes-Herbsttagung 2020 der DDG


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