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Individualisierte Chronotherapie gegen Epilepsie

Autor: Dr. Andrea Wülker

Epileptische Anfälle folgen häufig einem bestimmten zeitlichen Muster. Epileptische Anfälle folgen häufig einem bestimmten zeitlichen Muster. © iStock/Yuliya Baranych; oksanaoo – stock.adobe.com
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Epilepsiepatienten verbringen ihr Leben in ständiger Angst vor dem nächsten Anfall, was sie unter Dauerstress setzt. Dabei zeigt sich immer mehr, dass epileptische Anfälle in Zyklen auftreten. Ein besseres Verständnis der Chronobiologie könnte zu einer personalisierten Therapie beitragen und die Lebensqualität der Betroffenen bessern.

Epileptische Anfälle dauern oft nur etwa zwei Minuten. Doch die Patient bleiben oft länger bewusstlos, weshalb der Notarzt alarmiert wird. Hält die Bewusstlosigkeit länger an und der Patient kommt nicht in die stabile Seitenlage, droht Lebensgefahr. Das Risiko für einen vorzeitigen Tod ist bei Epileptikern gegenüber gesunden Menschen um das etwa 20-Fache erhöht, schreibt das Team um Dr. Maxime O. Baud von der Universitätsklinik für Neurologie, Inselspital Bern.

Es gibt einige bekannte Risikofaktoren für die Epilepsie wie z.B. positive Familienanamnese, komplizierte Schwangerschaft / Geburt, Fieberkrämpfe oder eine durchgemachte Meningoenzephalitis. Doch in den meisten Fällen weiß man die genaue Ursache für die Anfälle nicht. Das EEG kann inter­iktale und iktale Veränderungen aufweisen.

Veränderungen im EEG

  • interiktale Marker: kurze (< 200 ms), manchmal zufällige Entladungen, die die physiologischen Hirnströme unterbrechen
  • iktale Marker: häufig erhebliche Übereinstimmungen zwischen EEG-Wellen und Symptomsequenz bei den Entladungen

Interiktale Entladungen gelten als Anzeichen für eine erhöhte zerebrale Erregbarkeit und ihr gehäuftes Auftreten als Hinweis auf eine „epileptische Aktivität“. Klinisch machen sich diese Entladungen nicht bemerkbar, sie werden nur im EEG sichtbar. Iktale Entladungen dagegen entsprechen der klinischen Manifestation eines Anfalls im EEG.

30–40 % erweisen sich als therapieresistent

Falls ein Oberflächen-EEG nicht ausreicht, um den Epilepsieherd ausfindig zu machen, kann ein intrakranielles weiterhelfen. Vor allem, wenn zur Behandlung ein chirurgischer Eingriff erwogen wird, ist es besonders wichtig, die epileptogene Zone punktgenau zu lokalisieren. Für die Behandlung der Epilepsie stehen heute mehr als 20 Wirkstoffe zur Verfügung. Dennoch erweisen sich nach wie vor 30–40 % der Patienten ihnen gegenüber als therapieresistent. Daher gewinnen chirurgische Verfahren immer mehr an Bedeutung. Durch einen operativen Eingriff kann ein Teil der Betroffenen potenziell geheilt werden. Wenn nach zwei gut kontrollierten medikamentösen Versuchen weiterhin Anfälle auftreten, sollte der Patient zu einer umfassenden Diagnostik an ein entsprechendes Zentrum überwiesen werden, um die Möglichkeit einer chirurgischen Therapie abklären zu lassen, raten die Autoren. Was tun, wenn weder Medikamente noch OP fruchten? Der Leidensdruck dieser Patienten ist hoch, zumal sie die Anfälle meist unvorhersehbar ereilen. Aber: Auch wenn die Anfälle zufällig erscheinen mögen, verlaufen Epilepsien zyklisch. Das zeigen groß angelegte Untersuchungen. Das zeitliche Muster variiert zwar von Person zu Person, bei ein und demselben Patienten bleibt es aber relativ konstant. Die Epilepsie-Zyklen spiegeln sich auch in der interiktalen Aktivität wider, wie Langzeit-EEG-Messungen belegen. Folgende Zyklen lassen sich unterscheiden:
  • zirkadianer Rhythmus über 24 Stunden: Die Patienten zeigen bevorzugte Zeiten für Anfälle, am häufigsten treten sie frühmorgens auf, am zweithäufigsten um Mitternacht.
  • Schlaf-Wach-Zyklus: Viele Anfälle ereignen sich in den ersten Stunden des Tiefschlafs oder beim Aufwachen. Manche Patienten krampfen ausschließlich im Schlaf.
  • multidianer Rhythmus: Mehrtägige Rhythmen, wobei die symptomfreien Intervalle beim Einzelnen relativ konstant bleiben.
Hinzu kommen hormonell bedingte Zyklen und Faktoren wie Schlafmangel oder Stress etc. Eine personalisierte Epilepsiebehandlung macht die genaue Auswertung jedes einzelnen Falles im Hinblick auf Genetik, Neuroanatomie und Zyklen nötig. Die Schweizer Kollegen gehen aber davon aus, dass die Berücksichtigung der individuellen Zyklen in den nächsten Jahren diese personalisierte Behandlung vorantreiben wird.

Diabetes-Selbstmanagement zum Vorbild nehmen

Mithilfe einer präzisen Überwachung der epileptischen Aktivität der Patienten zum Beispiel über „Wearables“ oder implantierbare EEG-Systeme könnten Anfälle objektiv erfasst, eine Chronotherapie durchgeführt und ein Anfall-Warnsystem implementiert werden. Auf dieser Basis bekämen die Betroffenen die Chance, ihren Alltag und die Einnahme ihrer Medikamente selbst zu regeln. Bei anderen Erkrankungen wie etwa Diabetes funktioniert das Krankheitsmanagement durch die Patienten schließlich auch schon recht gut.

Quelle: Baud MO et al. Swiss Med Forum 2020; 20: 532-537; DOI: 10.4414/smf.2020.03413

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