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Typ-2-Diabetes: Prävention durch Lebensstilanpassung

DGIM 2021 Autor: Maria Fett

International werden pharmakologische Lösungen zur Prävention des Typ-2-Diabetes erprobt – noch ist keine davon in Deutschland zugelassen. International werden pharmakologische Lösungen zur Prävention des Typ-2-Diabetes erprobt – noch ist keine davon in Deutschland zugelassen. © iStock/gustavofrazao
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Trotz aller Fortschritte in der Dia­betologie: Die effektivsten Strategien zur Prävention eines Typ-2-Diabetes sind dieselben wie seit jeher. Heißt: sich ausreichend bewegen, gesund ernähren und Gewicht reduzieren. Ein paar präzisere Ideen hatten die Referenten dann aber doch im Gepäck.

Sieben Jahre an Lebenszeit verlieren Frauen mit Typ-2-Diabetes  im Durchschnitt gegenüber Stoffwechselgesunden, 14 Jahre, wenn der Diabetes nach einem Herzinfarkt diagnostiziert wird. Mit minus sechs bzw. minus zwölf Jahren sieht es bei den Männern nicht wesentlich besser aus, berichtete Professor Dr. Norbert Stefan von der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen. Am besten also, man riskiert erst gar nicht, in eine Insulinresistenz zu rutschen. Tun kann man dafür einiges. Das Rezept besteht dabei seit jeher aus denselben Zutaten: ein Teelöffel körperliche Aktivität, je eine Prise der richtigen Makro- und Mikronährstoffe und sollte doch mal etwas angebrannt sein, lässt sich das Essen –pardon, die Gesundheit – vielleicht noch pharmakologisch retten.

Dem Diabetes mit Medikamenten vorbeugen?

Seit 20 Jahren publizieren Wissenschaftler Studien zu den potenziell präventiven Effekten verschiedener Pharmaka auf die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Ob Metformin, Orlistat, Ramipril, Insulin (Betazellschutz!) oder Acarbose: Durchgängig tragen die Verumgruppen ein signifikant niedrigeres Erkrankungsrisiko als die Teilnehmer unter Placebo. Vor allem Hochrisikopatienten wie Personen mit einer abnormen Nüchternglukose und/oder gestörten Glukosetoleranz könnten von einem solchen medikamentösen Einsatz profitieren, erklärte Prof. Stefan. Einziger Wermutstropfen: Bisher ist in Deutschland keine der genannten Substanzen zur Vorbeugung eines Typ-2-Diabetes zugelassen. „Ein Armutszeugnis“, kommentierte der Diabetologe.

Was die Bewegung angeht, macht es zunächst keinen Unterschied, ob man einfach nur spazieren geht, die Treppe statt dem Aufzug nutzt oder tatsächlich Sport treibt, erklärte Privatdozentin Dr. Britta­ Wilms­, Ernährungswissenschaftlerin an der Universität zu Lübeck. Bezüglich des Risikos für einen Typ-2-Diabetes scheinen gerade von geringen Aktivitäten beachtliche protektive Effekte auszugehen. Wer bspw. zwei Stunden pro Woche beim Walken ins Schwitzen kommt, besitzt ein relatives Erkrankungsrisiko von 0,92 im Vergleich zu Couchpotatoes. Ist er länger auf Achse, wird der Einfluss schwächer. Im unmittelbaren Vergleich hohes versus niedriges Aktivitätslevel gelte aber natürlich: Je mehr, desto besser (relatives Risiko 0,65).

Antreiben lassen können sich Patienten von neueren Technologien wie Aktivitätstrackern, die quasi jetzt schon an jedem Handgelenk kleben. Im Gegensatz zu Nichtträgern gehen Personen mit Apple Watch, Fitbit und anderen Fitnessarmbändern durchschnittlich 2700 Schritte mehr pro Tag. Die Betonung liegt allerdings auf „durchschnittlich“, da die Tracker in ihren Aufzeichnungen teils erheblich voneinander abweichen, so Dr. Wilms. Vor allem die Apple Watch macht hier eine weniger gute Figur. 

Wenn Patienten fragen, ob sie eher die Laufschuhe schnüren oder sich zwei Kurzhanteln schnappen sollen, lautet die Antwort: am besten beides. In einer Studie hatte die kombinierte Intervention den Score für das metabolische Syndrom (MetScore) um mittlere -0,79 Prozentpunkte reduziert. Alleiniges Ausdauertraining schaffte durchschnittlich -0,59 Prozentpunkte, reines Krafttraining brachte überhaupt keinen Nutzen gegenüber den Kontrollen ohne Intervention. Auch auf das „böse“ viszerale Fettgewebe üben Ausdauerübungen schon in wenigen Wochen deutlich positive Effekte aus – ganz ohne Diät.

Günstige Wirkung der Gewichtsabnahme auf die Insulinresistenz

Diesen Ball nahm Dr. Stefan­ Kabisch­ von der Charité – Universitätsmedizin Berlin direkt auf. Natürlich stoßen Programme zur Gewichtsreduktion bei Patienten selten auf Gegenliebe und nur wenige halten eine Diät überhaupt bis zum Ende durch – selbst wenn die Pfunde anfangs noch so erfolgreich purzeln. Unbestritten ist aber die günstige Wirkung der Gewichtsabnahme auf die Insulinresistenz – vor und nach einem Typ-2-Diabetes. Angesichts der mangelnden Adhärenz und vor dem Hintergrund, dass beispielsweise bei älteren Personen eine Gewichtsreduktion teilweise kontraindiziert ist, plädierte der Referent für individuellere Interventionen. Statt eine Low-irgendwas-Kost sämtlichen Risikogruppen pauschal aufzustülpen und auf das beste Outcome zu hoffen, sieht er einen nachhaltigen Nutzen in „gesunden“ Ernährungsmustern mit einer bedarfsorientierten Makro- und Mikronährstoffverteilung.

Es fällt allerdings schwer zu sagen, auf welche Komponenten man dabei setzen sollte. Zwar finden sich exemplarisch in epidemiologischen Studien diabetogene Effekte für rotes Fleisch und Zucker, bzw. protektive Einflüsse von Vollkornprodukten und unlöslichen Ballaststoffen auf das Erkrankungsrisiko. Bei genauerer Betrachtung stehen die Empfehlungen aber auf weniger evidenten Füßen. Dazu nur zwei Beispiele:

  1. Zucker: Tauscht man Glukose eins zu eins gegen Polysaccharide aus, ergaben sich in Metaanalysen moderate Vorteile für die komplexen Kohlenhydrate in Bezug auf LDL und Nüchternglukosewerte. Der Insulinresistenz (HOMA-IR), den Triglyzeriden, Leberwerten und dem CRP allerdings schienen die Herkunft der Bausteine egal. Der isokalorische Ersatz von Glukose durch Fruktose bringt keinen Benefit für Nüchtern-BZ, HbA1c, Lipide und Leberwerte. Hyperkalorisch hat Fruktose sogar ein erheblichen Schadenspotenzial, gab Dr. Kabisch zu Bedenken.
  2. Kaffee: Ein günstiger Effekt auf das Typ-2-Diabetesrisiko findet sich in epidemiologischen Untersuchungen durchgehend auch für den Wachmacher Nr. 1 Kaffee, wobei das enthaltene Koffein keine Rolle zu spielen scheint. In randomisierten kontrollierten Studien dagegen verschlechtert Kaffee akut die Glukosetoleranz – für Langzeitgenießer ließen sich weder Vor- noch Nachteile im Hinblick auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit feststellen.

Kongressbericht: 127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (Online-Veranstaltung)


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