Allergenbelastung durch Pollen steigt wegen Luftschadstoffen und Klimaerwärmung

Autor: Michael Brendler

Die Menge an Haselpollen hat sich in 26 Jahren vervierfacht. © Jürgen Kottmann – stock.adobe.com

Seit den 1960er-Jahren hat die Zahl der Pollen­allergiker in den Industrieländern immer weiter zugenommen. Das geht eindeutig auf das Konto von Umweltsünden, sagen zwei Allergologen aus der Schweiz.

Der Klimawandel macht auch vor den Eidgenossen nicht halt. Um 1,5 °C ist die Winter-Durchschnitts­temperatur von 1864 bis 2003 angestiegen. Seit Ende der 1980er-Jahre verzeichnet man einen weiteren starken Anstieg. „Seit 1970 gab es keinen kalten Winter mehr“, schrei­ben Dr. Massimiliano Fontana von der Clinica Ospedale Regionale di Mendrisio Beata Vergine und Dr. Brunello Wüthrich aus Zollikerberg. Die Folgen für die Vegetation sind unverkennbar. Die Pollenflugsaison beginnt etwa 16–20 Tage früher und dauert länger an. Auch wird mehr Pollen freigesetzt. So hat sich die Menge an Birkenpollen zwischen 1969 und 1995 verdoppelt, die der Haselpollen sogar vervierfacht.

„Es ist unmöglich, den Zusammenhang zu leugnen“

Dazu kommt, dass Luftschadstoffe den Pollen quasi scharf stellt. Der durch sie ausgelöste Umweltstress bewirkt bei vielen Pflanzen eine Veränderung des Proteinspektrums. In der Folge werden zum Teil allergen wirkende Stressproteine, zu denen auch das Hauptallergen vom Birkenpollen, Bet V1, gehört, freigesetzt. „Somit ist die Atmosphäre selbst ohne Pollenfreisetzung mit Allergenen belastet“, schreiben die Kollegen. Dies begünstige Sensibilisierungen und allergische Reaktionen. Gleichzeitig verändern Stickoxid, Kohlenmonoxid und Ozon die Oberfläche von Pollen. Diese Nitrifikation erleichtert die Freisetzung modifizierter Proteine, die das Immunsystem zusätzlich stimulieren.

Eine weitere Folge der Luftverschmutzung: Sie führt zu einer Fraktionierung von Pollenkörnern – ebenfalls ein Grund, warum Allergene in der Luft sind, obwohl gar keine Pollen herumschwirren.

Feinstaub beeinflusst Immunsystem und Pollen

Abhängig von ihrer Größe können inhalierte Feinstaubpartikel in die Alveolen eindringen und sogar die Blut-Luft-Schranke überwinden. Bei Atopikern scheinen vor allem die ultrafeinen Dieselpartikel direkt auf das Immunsystem zu wirken. Unter ihrem Einfluss steigt die Sensibilisierungsfähigkeit (frühere Bildung spezifischer IgE) und ­-in­tensität (beständig erhöhtes spezifisches IgE-Niveau).

Zudem wirken Feinstaubpartikel auf die Pollen ein, indem sie diese zur gesteigerten Synthese von Lipidmediatoren anregen. Diese Mediatoren haben sehr starke proinflammatorische Eigenschaften und aktivieren die Entzündungszellen in den Atemwegsschleimhäuten.

In Gebieten mit hoher Luftverschmutzung sind diese Pollenfragmente zudem mit Schadstoffen überzogen, die ihren allergenen Effekt verstärken, erklären Dr. Fontana und Dr. Wüthrich. All das könnte eine Erklärung dafür sein, warum die Prävalenz von allergischer Rhinitis und Pollen-Sensibilisierung in verkehrsreichen Gebieten sehr viel stärker ausgeprägt ist als in ländlichen Regionen.

Interessant: Sogar in kaum belasteten Gebieten steigt mit zunehmender Luftverschmutzung die Häufigkeit von Atemwegserkrankungen bei Kindern. „Ausgehend von den obigen Ausführungen ist es heute unmöglich, den Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen, Klima (Treibhauseffekt) und Atemwegs­allergien zu leugnen“, betonen die beiden Schweizer Kollegen. Sie sehen Politik und Wirtschaft in der Pflicht, die die mittlerweile eindeutigen Erkenntnisse berücksichtigen müssten.

Quelle: Fontana M, Wüthrich B. Swiss Med Forum 2019; 19: 580-583; DOI: doi.org/10.4414/smf.2019.08346