Charakteristische Initialsymptome machen epileptischen Anfall wahrscheinlich

Autor: Friederike Klein

„Wie ist das Ganze losgegangen?“ Fragen Sie Angehörige und Sanitäter nach den ersten Symptomen. „Wie ist das Ganze losgegangen?“ Fragen Sie Angehörige und Sanitäter nach den ersten Symptomen. © iStock/Tunatura

Bis zu 25 % aller Anfallsereignisse werden in der Notaufnahme fehldiagnostiziert. Dies ließe sich vermeiden, wenn man so viel Informationen wie möglich über den Symptombeginn in Erfahrung bringen könnte.

„Nicht alles, was zuckt und fällt, ist eine Epilepsie, und nicht alle, die Epilepsie haben, zucken und fallen“, erinnerte Professor Dr. Jörg Wellmer, Leiter der Ruhr-Epileptologie in Bochum. Da man als Arzt das eigentliche Anfallsereignis meist nicht zu Gesicht bekommt, ist man im Nachhinein auf die Beschreibungen des Patienten, seiner Angehörigen sowie von Ersthelfern bzw. Rettungssanitätern angewiesen. Doch auch deren Angaben zu Dauer und Lateralisation der Anfallssymptome sind oft ungenau oder sogar falsch.

Dazu kommt: Je länger der Beginn der Symptome zurückliegt, desto unspezifischer werden die Befunde der durchgeführten Untersuchungen, erst recht, wenn die Patienten vom Notarzt „abgeschossen“ wurden. Prof. Wellmer empfahl deshalb, möglichst viele Informationen über die Initialsymptomatik zu sammeln, denn gerade sie verweist häufig auf die Anfallsart.

Beispiel generalisierter tonisch-klonischer Anfall: Er beginnt mit Innehalten des Patienten und starrem Blick. Dann folgen Schmatzen oder andere oralen Automatismen, Nesteln bzw. sonstige manuelle Automatismen und iktuale Floskelsprache. Nach etwa einer Minute findet eine forcierte Kopfwendung zur Seite statt, es kommt zur Tonisierung von Rumpf und Extremitäten und zu bilateralen rhythmischen Kloni, bei denen der Betroffene die Augen offen hat. Etwa zwei Minuten nach Beginn der Symptome stellen sich beidseits irreguläre Kloni ein, wenig später Prusten/Schnauben und Speichelfluss in Linksseitenlage. Nach drei Minuten ist der Patient somnolent, nach dieser Phase häufig desorientiert agitiert. Es kann auch zur iktalen/postiktalen Aphasie kommen.

Diese Charakteristika treten immer in dieser Reihenfolge auf, betonte Prof. Wellmer. Werden also von Angehörigen starrer Blick und anschließend Schmatzen beziehungsweise Nesteln berichtet und weist der Patient bei Eintreffen des Notarztes eine iktale/postiktale Aphasie auf, spricht dies für einen epileptischen Anfall. Deshalb ist es wichtig, die Angehörigen beziehungsweise die Rettungssanitäter und Notärzte nach ersten, auch noch so kleinen Zeichen eines Anfallsereignisses zu fragen, betonte Prof. Wellmer.

Fehldiagnose mit Folgen

Die fälschliche Annahme, dass der Patient einen epileptischen Anfall erlitten hat, führt

  • zur unnötigen medikamen­tösen Akut- und eventuell sogar Dauertherapie,
  • zur unnötigen Diagnostik (MRT, EEG, Lumbalpunktion, etc.),
  • zur Verhinderung der eigentlich indizierten Behandlung
  • zu sozialen Folgen wie Fahruntauglichkeit, eingeschränkte Berufswahl, schlechtere Krankenkassentarife

So lassen sich auch „echte“ epileptische Anfälle gut von psychogenen abgrenzen. Diese gehen häufig mit agonistisch-antagonistischen Bewegungsmustern einher und entbehren einer neuroanatomischen Logik. Der Verlauf ist fluktuierend, durch Suggestion unterbrechbar und die Anfälle dauern ungewöhnlich lange. Beim Versuch des Öffnens der Augen werden diese zugekniffen.

Typisch für konvulsive Synkopen ist, dass sie immer aus dem Stehen heraus erfolgen, die Symptomatik rasch endet und die Betroffenen schnell wieder reorientiert sind. Während der Synkope sind die Augen des Patienten offen und nach oben verdreht, die Haut ist blass und schweißig. Die Tonisierung erscheint nicht in eine epileptische Dynamik eingebunden. Die kurzen Konvulsionen können zu Beginn und/oder kurz nach der Bewusstlosigkeit auftreten.

Kongressbericht: 92. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie