Smartphone-Anwendungen zur Behandlung von Tinnitus fehlt der Wirknachweis

Autor: Maria Weiß

Musik stabilisiert die vom Tinnitus geplagte Person durchaus. Die "Anti-Tinnitus-Apps" sollten jedoch mit Vorsicht genossen werden. © fotolia/cristalov

Zahllose Apps versprechen Hilfe bei nervigen Ohrgeräuschen und anderen Hörproblemen. Diejenigen zur Auslöschung des Tons können sogar problematisch werden.

Als Medizinprodukte benötigen Gesundheits-Apps derzeit keinerlei behördliche Zulassung. „Auch ein Wirksamkeitsnachweis wird nicht verlangt“, so Professor Dr. Gerhard Hesse von der Tinnitus-Klinik am Krankenhaus Bad Arolsen. „Und der fehlt in der Regel.“ Das gelte auch für die ungezählten Apps, die einen Tinnitus aurium oder andere Hörstörungen angehen sollen.

Was schon recht gut funktioniert, ist die Lärmmessung per Smartphone. Doch gerade bei großer Lautstärke sind die entsprechenden Apps nicht besonders zuverlässig, gibt Prof. Hesse zu bedenken. Eine grobe Orientierung können die technischen Helfer aber dennoch geben. Etwa bei der Frage, ob das Tragen eines Hörschutzes angezeigt ist. „Überaus sinnvoll sind Apps, die für Schwerhörige Geräusche erfassen, bewerten und eventuell vor Gefahren warnen“, so der Experte in einem Übersichtsartikel. „Spannend wäre es, wenn diese Anwendungen mit dem Hörgerät gekoppelt werden könnten.“

Bei der Bestimmung von Tinnitusfrequenzen per Smartphone und mit den zahlreichen Hörtest-Apps ist seiner Ansicht nach dagegen eher Skepsis angebracht. Zwar könne man die smarte Technik in diesem Bereich durchaus als Screeningverfahren einsetzen. Die Ergebnisse sollten aber auf jeden Fall audiometrisch verifiziert werden. Ähnliches gilt für mobile Applikationen zur Dokumentation eines Enechema, beispielsweise für die App „Track my tinnitus“.

Immerhin: Die Aufmerksamkeit fürs Piepen erhöhen sie nicht

Therapeutisch begleitet und in einen multimodalen Therapieansatz eingebettet können diese Anwendungen durchaus sinnvoll sein – für sich allein helfen sie kaum weiter. Die immer wieder artikulierte Sorge, dass die regelmäßige Beschäftigung mit der Tinnitus-App die Aufmerksamkeit der Patienten erst recht auf das Ohrenpfeifen lenke, hat sich im Übrigen bisher nicht bestätigt.

Tatsächlich problematisch seien die Apps, die speziell zur Behandlung der belastenden Ohrengeräusche auf dem Markt sind, schreibt Prof. Hesse. Für gewöhnlich versuchen die verschiedenen Produkte, das Brummen, Klingeln und Pfeifen mit speziell auf die Frequenz abgestimmten Tönen oder mittels musikalischer Verfremdungen „auszulöschen“. Dieser mechanistische Ansatz werde der komplexen Genese der Tinnitusentstehung und -belas­tung aber nicht gerecht. Folgerichtig steht der Wirknachweis dieser Behandlungsmethode – Tailor-Made Notched Music Training (TMNMT)­ – nach wie vor aus.

Ähnliches gilt auch für die App „Tinnitracks“, für die Verträge mit einigen Krankenkassen abgeschlossen wurden und die etwa von der Techniker Krankenkasse aktiv beworben wird. Zwar kann Musikhören durchaus einen emotional stabilisierenden Effekt bei Tinnitus haben. Allerdings gilt das auch für das Hören unverfälschter Musik.

Kognitive Verhaltenstherapie via Internet als gute Ergänzung

Bei der Therapie eines Susurrus aurium können internetbasierte kognitive Verhaltenstherapien – auch mittels mobiler App, Smartphone und Tablet-PC – aus Sicht des Experten durchaus eine gute Ergänzung der gängigen Behandlung darstellen, auch und gerade wegen der breiten Verfügbarkeit der Technologie. „Diese Therapieangebote sind besonders dann wirksam, wenn sie von Psychologen moderiert werden und wenn gleichzeitig auch audiologische Unterstützung angeboten wird.“

Quelle: Hesse G. HNO 2018; 66: 350-357