Autoimmun-Epilepsien sorgen für verwirrende Symptome

Autor: Manuela Arand

Eine verzögerte Diagnose einer Autoimmun-Epilepsie bedeutet für den Patienten schlechtere Chancen. Zum Nachweis der Antikörper im Liquor ist eine Lumbalpunktion unumgänglich. © iStock/DedMityay

In seltenen Fällen können Autoantikörper Ursache einer Epilepsie sein, je nach Autoimmuntarget mit sehr unterschiedlichen Phänotypen. Je früher die Diagnose steht und die Therapie beginnt, desto besser die Ergebnisse.

Professor Dr. Sarosh R. Irani, Leiter der Autoimmun-Neurologie am Universitätsklinikum Oxford, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf drei neuronale Autoantigene:

  • LGI1 (Leucine-rich Glioma Inactivated Protein),
  • CASPR2 (Contactin-assoziiertes Protein) und
  • den NMDA-Rezeptor.

Die Bindungsmuster der Antikörper gegen diese Antigene unterscheiden sich, entsprechend diskrepante Krankheitsbilder resultieren.

Typisch für Patienten mit LGI1-Autoantikörper sind faziobrachiale dystonische Anfälle (FBDS), bei denen Gesichts- und Armmuskulatur synchron ipsilateral krampfen. Die Krampfanfälle treten praktisch nie vor dem 50. Lebensjahr auf und zeigen ein hohes Maß an Stereotypie. Sie dauern aber nur Sekunden, sodass sie anfangs oft übersehen werden, obwohl sie im Schnitt 50-mal pro Tag auftreten. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen – der Grund ist unklar.

Das Krankheitsbild gewinnt an Bedeutung, weil ein beträchtlicher Anteil der Patienten infolge der chronischen Enzephalitis schnell massive kognitive Störungen entwickelt. In einer Studie, an der auch Prof. Iranis Zentrum teilnahm, wiesen rund drei Viertel der insgesamt 103 FBDS-Patienten kognitive Einbußen auf.

Wichtig ist, die Diagnose früh zu stellen

All diese Kranken zeigten viele Auffälligkeiten in EEG, MRT und Liquorbefunden. Diejenigen mit unbeeinträchtigter Kognition hatten dagegen weitgehend normale Untersuchungsbefunde. „Und wenn wir abnorme Testbefunde sahen, waren sie in der Kombination unspezifisch und wenig aussagekräftig“, so Prof. Irani.

Entscheidend ist, die Diagnose früh zu stellen. Denn die Anfälle gehen den geistigen Einbußen in über 80 % der Fälle voran, und Patienten mit erhaltener Kognition sprechen besser auf die Therapie an. Antikonvulsiva wirken allein eher schlecht, aber die Wirksamkeit steigt enorm, wenn sie mit einer immunsuppressiven Therapie kombiniert werden. Infrage kommen Steroide, intravenöse Immunglobuline und der Plasmaaustausch. Die Anfallshäufigkeit sinkt darunter rasch und stark: Innerhalb von zwei Monaten sind acht von zehn Patienten komplett anfallsfrei.

„Beim Therapiebeginn kommt es auf jeden Tag an“, betonte Prof. Irani. Tatsächlich sinkt die Chance, anfallsfrei zu werden, pro Tag Therapieverzögerung um 1 %. Patienten entwickeln weniger Funktionseinschränkungen und bleiben länger selbstständig, wenn sie behandelt werden, bevor die Kognition leidet. Umgekehrt lassen sich kognitive Störungen wahrscheinlich verhindern, wenn es gelingt, die Patienten anfallsfrei zu bekommen, bevor der geistige Abbau beginnt.

LGI1-Autoantikörper auch bei anderen Epilepsien

Die FBDS-Epilepsie ist quasi eine Modellerkrankung, „weil es keinen Zweifel gibt, worum es sich handelt, wenn wir solche Anfälle sehen“, so der Neurologe. LGI1-Autoantikörper finden sich bei weiteren Epilepsien, darunter klassische motorische Semiologien, aber auch exotischere Formen wie autonome Epilepsien mit thermalen Missempfindungen und Schweißausbrüchen, anfallsweisen Bradykardien oder Piloerektionen.

CASPR2-Autoantikörper zeigen ebenfalls ungewöhnliche Semiologien. Als Kernsymptome treten – neben Krampfanfällen und Kognitionsstörungen – autonome Dysfunktionen auf und eine periphere Hyperexzitabilität, die zu Muskelzuckungen führen. Prof. Irani betrachtet sie als eine Art „Epilepsie der terminalen Nervenendigungen“. Als weiteres typisches Phänomen tritt ausgeprägte Schlaflosigkeit auf.

Auch diese Autoimmun-Epilepsie spricht in der Regel gut auf Immuntherapien an, weniger als 10 % der Patienten zeigen keine Response. CASPR2-Antikörper finden sich häufig als paraneoplastisches Phänomen v.a. bei Thymomen. Die begleitenden epileptischen Symptome gehen bei erfolgreicher Tumortherapie zurück.

Patienten mit NMDA-Rezeptorautoantikörpern fallen anfangs oft durch neuropsychiatrische Störungen auf, weshalb die erste Anlaufstelle nicht selten eine psychiatrische Einrichtung ist. Später folgen Krampfanfälle und Bewegungsstörungen, die fast alle Patienten entwickeln.

Vom Buffet psychischer Krankheiten alles probiert

Das Spektrum der Bewegungsstörungen reicht von choreaähnlichen Symptomen, tonisch-klonischen Perseverationen, Tremor, Myoklonien und Dystonien bis hin zur Katatonie.

Auch die psychopathologischen Phänomene sind äußerst komplex und umfassen praktisch alles, was die Psychiatrie zu bieten hat – Stimmungs- und Verhaltensstörungen, Insomnie und Psychosen. Mehr noch: Viele Patienten zeigen eine wilde Mischung aus unterschiedlichen Symptomen, die sich keiner Entität aus ICD-10 und DSM-V zuordnen lässt. „Ich hatte das Gefühl, sie steht vor einem Büffet psychischer Krankheiten und probiert von allem etwas aus“, schilderte die Mutter einer Betroffenen die Situation.

„Wenn Sie einen Patienten sehen, der ein verwirrendes Bild aus psychiatrischen und Bewegungsstörungen bietet – bitte denken Sie daran, im Liquor nach NMDA-R-Antikörpern zu suchen“, betonte Prof. Irani. Wahrscheinlich kommt es auch hier darauf an, so früh wie möglich immuntherapeutisch einzuschreiten, denn jede Diagnoseverzögerung würde einen Verlust an Chancen bedeuten.

Kongressbericht: 5th Congress of the European Academy of Neurology