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135 Einflussfaktoren in einer App: Navigationshilfe für Menschen mit Typ-1-Diabetes entwickelt

Autor: Antje Thiel

Algorithmen berechnen viele Zukunftsszenarien. Algorithmen berechnen viele Zukunftsszenarien. © iStock/Altayb
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Dank langjähriger Erfahrungen im Diabetes-Dorf Althausen ist eine Vielzahl von Faktoren im Detail beschrieben, die die Blutzuckereinstellung bei Diabetes Typ 1 beeinflussen. Auf diese und weitere Parameter greifen Algorithmen in einer App zurück und machen Anpassungsvorschläge.

Hintergrund des Tools zur Entscheidungshilfe ist die Komplexität der Therapie des Typ-1-Diabetes: „Ich kenne keine andere Erkrankung, die mehrfach täglich derart viele qualifizierte Entscheidungen des Patienten erfordert wie den Typ-1-Diabetes. Dabei geht es um viel mehr, als nur die korrekte Insulindosis für eine Mahlzeit zu bestimmen“, erklärte Dr. Bernhard Teupe, Diabetes-Dorf Althausen. Qualifizierte Entscheidungen erforderten aber auch im Zeitalter der Digitalisierung fundiertes Wissen und Verständnis für die physiologischen Zusammenhänge.

Patienten müssen sich trotzdem gut auskennen

Im Gespräch mit Typ-1-Diabetespatienten beobachtete der Diabetologe allerdings immer wieder große Wissenslücken: „Wenn kein handlungsrelevantes Wissen beim Patienten vorhanden ist, gibt es auch nichts zu digitalisieren.“ Dr. Teupe richtet sein Augenmerk daher auf Unterstützung mit genau diesem konkreten Handlungswissen. Es bedeutet, Einflussfaktoren wie Essen (Kohlenhydrate, Fett, Protein), Sport und Bewegung, Menstruationszyklus, Stress oder eine sich anbahnende Erkältung zu kennen und in die täglichen Therapieentscheidungen einzubeziehen, so der Experte. Im Laufe seiner Karriere hat er 135 Einflussfaktoren ausgemacht, die sich auf den Blutzuckerverlauf auswirken können. Daraus entstanden ist eine Art Navigationssystem für Typ-1-Diabetes. Die App AdviceDevice priorisiert auf Basis der individuellen Patientendaten diese Regelwerke und macht konkrete Therapievorschläge.

Datenbank wächst stetig durch neue Einträge

Sämtliche Eingaben sowie alle Einflussfaktoren und Ergebnisgrößen werden in die Datenbank der Applikation aufgenommen. Bei jedem neuen Eintrag suchen die Algorithmen die Datenbank hierarchisch ab und vergleichen den Eintrag mit den hinterlegten Definitionen. Einträge können durch eine manuelle Eingabe oder den automatischen Import aus einem System zur kontinuierlichen Glukosemessung bzw. einer Insulinpumpe erfolgen.

Dabei werden sämtliche jemals hinterlegten Daten, alle Blutzuckerwerte und alle Pumpenereignisse verwendet, um den aktuellen Blutzuckerverlauf mithilfe von Mustererkennung zu analysieren, ergänzende Fragen zu stellen, daraus zu lernen und den Anwender gezielt zu beraten, berichtete Dr. Teupe. So bietet das System Empfehlungen für die Behandlung akuter Hyper- oder Hypoglyk­ämien, aber auch vorausschauende Tipps, wenn sich eine Veränderung des Insulinbedarfs abzeichnet. Zudem soll die App punktuell Unterstützung in schwierigen Situationen bieten – etwa bei der Berechnung des Insulinbedarfs bei einem üppigen Dinner mit Wein oder wenn eine Cortisontherapie ansteht.

Zertifizierung beantragt

Rein technisch ist die Entwicklung des Tools abgeschlossen. Die App kann auf diversen IT-Endgeräten (Tablets, Notebooks, Laptops und PCs) verwendet werden. Hemmschuh für die Zertifizierung als Medizinprodukt der Klasse 2b war laut Dr. Teupe lange die Änderung der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR), deren Implementierung in Deutschland nur schleppend voranging. Die Zertifizierung wurde beim TÜV Süd beantragt, der auch nach den neuen MDR-Regularien weiter als Benannte Stelle fungieren darf. Wie schnell es nun vorangeht, hängt auch mit der Coronapandemie zusammen: Aktuell können die verpflichtenden Präsenzschulungen mit dem Tool nicht stattfinden.

Jahrzehntelanger Entwicklungsprozess

„In das AdviceDevice sind 35 Jahre meines diabetologischen Wissensaufbaus eingeflossen“, erzählte Dr. Teupe. In dieser Zeit hat er 350 stationäre Pumpenschulungsgruppen mit insgesamt rund 5000 Pumpenträgern geleitet und die Teilnehmer ambulant nachbetreut. 25 Jahre dauerte es, die Erkenntnisse schrittweise zu formalisieren. Weitere drei Jahre brauchte es, sie in etwa 500 Flowcharts darzustellen. Die App versteht er als digitale Transformation seiner ärztlichen Expertise. Crowdfunding und eine Firmenkooperation mit der Sinovo GmbH ermöglichten den Transformationsprozess, der sich über fünf Jahre hinzog, berichtete Dr. Teupe: „Wir fanden lange kein Versicherungsunternehmen, das den Praxistest versichert – und ohne Praxistest keine Zulassung.“

Quelle: Diabetes Herbsttagung 2019


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